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Alexander Gauland portraitiert für DIE ZEIT

Meine Oma hieß Séra, ihre Cousine Esther. Beide waren jüdischen Glaubens. Sie haben als einzige meiner Vorfahren den Holocaust überlebt, alle anderen Familienmitglieder sind in Auschwitz und Treblinka von den Nationalsozialisten ermordet worden.

Meine Großmutter Séra stammte ursprünglich aus den Niederlanden. Die Nazizeit überlebte sie mit einem gefälschten Pass mitten in Deutschland, in Frankfurt am Main; sie war mit meinem deutschen Opa Heinrich verheiratet, der seine kleine Familie wohl sehr geliebt und beschützt haben muss, so dass sie überleben konnte.
Die Cousine meiner Oma, Esther, überlebte wie durch ein Wunder das KZ Auschwitz. Sie war eines der Versuchsobjekte für die perfiden Menschenversuche des Dr. Josef Mengele – sie überlebte, konnte aber nie Kinder bekommen. Ihr Mann Günther überlebte das KZ Auschwitz ebenfalls, weil die Nazis schlichtweg seine Arbeitskraft brauchten: Er war Metzger und die gab es offenbar sehr selten im KZ.
Esther hat Deutschland nach der Befreiung 1945 nie wieder betreten. Ich hatte aber das große Glück, beide als Teenager kennen lernen zu dürfen. Das Bild der tätowierten Häftlingsnummer auf dem Arm von Esther hat sich in meinem Kopf eingebrannt.

Während meines beruflichen Werdegangs habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich den Auftrag bekommen sollte, einen Rechten, Nationalsozialisten oder jemanden, der mit Rechtspopulisten, Nationalsozialisten zusammenarbeitet, zu fotografieren.
Ich bin zu der Entscheidung gekommen, dass ich meinen Job wie immer machen werde, ohne die Person bewusst optisch zu verunglimpfen. Denn alles andere wäre sonst die gleiche, menschenverachtende, populistische und perfide Ebene, die ich ablehne.

Beim Fotografieren greife ich sehr selten ein, bei Editorial Aufträgen überhaupt nicht.
Jeder darf sich so inszenieren, wie er/sie das möchte. Herr Gauland inszeniert sich bewusst als Opfer, daher sehen die Bilder auch genauso aus! Hier ist kein Bild bewusst so rausgesucht um ihn ins schlechte Licht zu rücken, das macht er von sich aus mit Mimik und Körperhaltung.